"Nachhaltigkeit ist heute ein unternehmerisches Kernthema."
  • © Joerg Frank

Wir wollten Forschung neu denken: Warum das Borderstep Institut gegründet wurde

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Klaus Fichter über die Kraft nachhaltiger Innovation

Vor 20 Jahren gründeten Prof. Dr. Klaus Fichter, Dr. Severin Beucker und Dr. Jens Clausen das Borderstep Institut. Ihr Ziel: Forschung neu denken. Inmitten von Hunderten Hochschulen und Forschungseinrichtungen schufen sie einen unabhängigen Ort, der Nachhaltigkeit, Innovation und Unternehmertum verbindet.

Im Interview spricht Klaus Fichter über den Mut zur Unabhängigkeit, über Forschung als Motor gesellschaftlicher Veränderung und über die Idee der Generationengerechtigkeit, die seine Arbeit bis heute prägt.

Was war dein strategischer Beweggrund, das Borderstep Institut zu gründen? Welche gesellschaftlichen oder wissenschaftlichen Entwicklungen haben dich dabei besonders herausgefordert und welches Problem wolltest du mit Borderstep konkret lösen?

Es klingt zunächst verrückt: In einem Land, das schon vor 20 Jahren über 300 Hochschulen, mehr als 1000 staatlich finanzierte Forschungseinrichtungen und zahlreiche freie Institute hatte, noch ein weiteres zu gründen. Ergibt das Sinn? Wir fanden: Ja. Und wir haben es getan, Severin Beucker, Jens Clausen und ich.

Wir wollten Forschung neu denken.

Nachhaltiges Wirtschaften braucht wissenschaftlich fundierte Konzepte

Drei Beweggründe waren für uns 2005 entscheidend, das Borderstep Institut als gemeinnützige Forschungseinrichtung zu gründen.

  • Erstens: Die Überzeugung, dass nachhaltiges Wirtschaften neue, wissenschaftlich fundierte Konzepte braucht. Zwischen Innovation, Unternehmertum und Nachhaltigkeit klaffte damals eine große Forschungslücke. Dieses Themendreieck birgt die zentralen Kräfte gesellschaftlicher Veränderung. Es ist für uns das magische Dreieck der Transformation. Uns fehlten Modelle, die zeigen, wie Start-ups zur ökologischen Transformation beitragen oder wie digitale Innovationen Umwelt- und Klimaschutz befördern kann. Diese Lücke wollten wir schließen.
  • Zweitens: Unabhängigkeit. Kurz vor dem Borderstep Impact Forum im Mai 2025, unserem zentralen Event zum 20-jährigen Jubiläum, fragte mich meine Frau beim Abendessen, was ich an dem Tag gemacht hätte. Ich sagte, ich hätte darüber nachgedacht, warum ich das Borderstep gegründet habe. Sie meinte darauf: „Warum musst Du Dir darüber Gedanken machen, das ist doch ganz klar: Weil du nachhaltig forschen wolltest und keinen Chef, der dir da reinpfuscht.“ Das trifft es ziemlich genau. Wir wollten Raum schaffen, um frei und unabhängig forschen zu können. Ohne den Ballast großer Verwaltungsapparate, ohne institutionelle Pfadabhängigkeiten. Zukunftsforschung braucht geistige und organisatorische Beweglichkeit, Mut und Freiheit, jenseits disziplinärer Grenzen.
  • Drittens: Wir wollten wissenschaftliche Exzellenz mit Praxiswirksamkeit verbinden. Heute nennen wir das Reallabore, Living Labs, Wärmewende-Dialoge oder Ko-Innovationen.

Borderstep Gründung als gesellschaftliches Statement

Was heute selbstverständlich klingt, war es damals nicht. Transdisziplinarität bedeutete für uns, wissenschaftliches und praktisches Wissen systematisch zu verknüpfen. Wir nannten das das Prinzip der „kritischen Nähe und Distanz“: genug Abstand, um Strukturen zu erkennen, genug Nähe, um Dynamiken zu verstehen.

Die Gründung von Borderstep war damit nicht nur eine forscherische Entscheidung, sondern auch ein gesellschaftliches Statement.

Welche wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen haben dich besonders herausgefordert und welche Werte oder Ziele standen für dich im Zentrum?

Die Krisen, die uns heute beschäftigen, waren schon vor 20 Jahren absehbar: der menschengemachte Klimawandel, der Verlust an Biodiversität, die Verknappung natürlicher Ressourcen wie Trinkwasser oder Bodenfruchtbarkeit.

Uns war klar, dass es nicht reicht, nur auf diese Entwicklungen hinzuweisen. Es braucht Werte, Rahmenbedingungen und Anreizsysteme, die den Wandel wirklich ermöglichen. Genau das war unser Ansatz. Wir stellten nachhaltiges Unternehmertum und nachhaltigkeitsorientierte Innovationen ins Zentrum unserer Forschung, technische wie soziale.

Welche Stationen und prägenden Erfahrungen haben deinen beruflichen Weg entscheidend beeinflusst? Gab es Schlüsselmomente oder Personen, die deine Sicht auf Innovation, Nachhaltigkeit oder Unternehmertum besonders geprägt haben?

Ich bin im Schwarzwald aufgewachsen. Ein Schlüsselmoment war für mich das Waldsterben in den 1970er und 1980er Jahren. Hauptursache war damals die hohe Schadstoffbelastung der Luft durch sauer werdende Emissionen (saurer Regen), insbesondere Schwefel- und Stickstoffverbindungen aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe in Kraftwerken und Industrieanlagen. Ich konnte als Kind und Jugendlicher an den kranken und dürren Fichten und Tannen sehen, was die Umweltverschmutzung einer nicht-nachhaltigen Wirtschaftsweise bedeutet.

Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung als Gerechtigkeitskonzept

Aber nicht nur die Ökologie führte mich zur Nachhaltigkeit. Auch meine Auslandsaufenthalte öffneten mir die Augen für globale Ungleichheit. Das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung, das mich bis heute prägt, ist im Kern ein humanistisches Gerechtigkeitskonzept, innerhalb einer Generation und zwischen den Generationen.

Generationengerechtigkeit ist die radikale Vision vieler meiner Generation und das genaue Gegenteil dessen, was ein hasserfüllter Donald Trump heute mit seinem egoistischen und libertären Konzept der Eliten, die es sich in Gated Communities gemütlich machen, während die Mehrheit hungert und leidet, vertritt. Wir befinden uns heute noch mehr als vor 40 Jahren in einem brachialen Kulturkampf zwischen purem Egoismus und einer Praxis der Gemeinwohlorientierung, der Verantwortung und der Lebenszufriedenheit Vieler, Eckpunkte, die meine berufliche und forscherische Arbeit immer geprägt haben.

Du beschäftigst dich intensiv mit Fragen der nachhaltigen Transformation. Wie hat sich dein Blick auf Sustainable Entrepreneurship im Laufe der Zeit verändert und welche Chancen und Herausforderungen siehst du heute?

Als ich in den 1980er Jahren in Bremen Wirtschaftswissenschaft studierte, war das Konzept der Nachhaltigkeit in Praxis und Forschung nahezu unbekannt. Ich bat meine Professorinnen und Professoren, dazu Lehrveranstaltungen anzubieten, und zwar mit Erfolg. Dort, wo der Professorenschaft die Expertise fehlte, z.B. beim Thema ökologieorientierte Betriebswirtschaftslehre, schlugen wir externe Dozenten wie z.B. Reinhard Pfriem vor, einem der Vordenker in diesem Feld, bei dem ich später promoviert habe. So konnte ich bereits Ende der 80er Jahre Lehrprojekte zu Alternativen des Wirtschaftens und Konzepten der Nachhaltigkeit belegen. Das hat mich mit diesen Themen noch mehr verbunden und bildet bis heute meinen forscherischen roten Faden.

Nachhaltigkeit ist kein Randthema mehr

In der Praxis beschränkte man sich in den 1980er Jahren auf sogenannte „End-of-pipe“-Lösungen: Schadstoffe am Ende des Prozesses auffangen, statt sie gar nicht erst entstehen zu lassen. Seither hat sich das Thema Nachhaltigkeit erfreuerlicherweise, und eben auch durch das Engagement vieler Forschender und Unternehmensverantwortlicher, von einem Rand- zu einem Kernthema entwickelt. Bei vielen Unternehmen nicht ganz freiwillig, aber doch erkennbar.

Heute müssen Nachhaltigkeitsanforderungen bereits „Begin of the pipe“ berücksichtigt werden, also bei der Entwicklung von Unternehmensstrategien, der Geschäftsmodellentwicklung und der Entwicklung neuer Produkte und Services. Die Ökodesign-Richtlinie ist ein Beispiel dafür. Wir sehen also in den letzten 40 Jahren eine grundlegende Entwicklung vom unternehmerischem Randthema (Ende-of-pipe) zu einem unternehmerischen Kernthema, bei der die Nachhaltigkeit ein fundamentaler Wettbewerbs- und Erfolgsfaktor ist. Natürlich vollzieht sich das nicht in allen Branchen und Ländern gleichermaßen schnell und wir sehen auch Roll-backs und große Verhinderungsallianzen, der Megatrend ist aber erkennbar.