Wärmewende ist kein Technikproblem: Kommunikation als Forschungsaufgabe
Ein Gespräch mit Borderstep Mitgründer Dr. Jens Clausen über Transformation, Tempo und Widerstände
Seit mehr als drei Jahrzehnten beschäftigt sichBorderstep Senior Researcher Dr. Jens Clausen mit Umweltinnovationen und nachhaltigem Wirtschaften. Im Interview erklärt der Borderstep Mitgründer, warum die Wärmewende weniger an Technologien als an politischen und wirtschaftlichen Interessen scheitert und welche Aufgaben sich daraus für die Forschung ergeben.
Mein Name ist Jens Clausen. Ich bin Maschinenbauingenieur, promovierter Ökonom und engagiere mich seit Jahrzehnten für Umwelt- und Klimaschutz. Seit 2004 gehöre ich zum Gründerkreis des Borderstep Instituts.
Die Katastrophe in letzter Minute abwenden
Wie hat sich die Green Economy im Laufe der Jahrzehnte verändert?
In den 1990er Jahren war die Green Economy vor allem eine Zukunftsvision. Viele gingen damals davon aus, dass für die großen Veränderungen noch ausreichend Zeit bleibt. Die Vorstellung war: Vor 2050 wird sich wenig bewegen, bis 2100 lässt sich das Problem lösen.
Heute wissen wir, dass die Situation deutlich dringlicher ist. Die Folgen des Klimawandels sind längst sichtbar. Die Aufgabe besteht nicht mehr darin, Veränderungen für eine ferne Zukunft vorzubereiten. Es geht darum, Wirtschaft und Gesellschaft JETZT zu transformieren, um das Ruder herumzureißen. Es geht im Klartext gesagt um jede Stunde.
Welche Chancen ergeben sich daraus?
Die größte Chance ist die Katastrophe in letzter Minute abzuwenden. Aber das ist jetzt auch nicht der klassische Charakter eines Lottogewinnes, sondern eine enorme Herausforderung.
Hinzu kommt, dass es längst nicht mehr nur um Wissenslücken geht. Es gibt Akteure, die mit erheblichem Einfluss, viel Geld und großer Entschlossenheit Veränderungen bremsen. Deshalb reicht es nicht aus, Innovationen zu entwickeln. Eine Technologie, die nicht angewendet wird, verändert die Realität nicht.
Für die Forschung bedeutet das, dass sich der Schwerpunkt verschiebt. Neben der fachlichen Arbeit gewinnen Kommunikation, gesellschaftliche Debatten und politische Rahmenbedingungen zunehmend an Bedeutung.
Starke wirtschaftliche Interessen halten am fossilen System fest
Du beschäftigst dich seit vielen Jahren mit der Wärmewende. Warum tut sich Deutschland so schwer?
Beim Ausbau der erneuerbaren Stromerzeugung sind wir auf einem guten Weg. Deutlich schwieriger ist die Situation in anderen zentralen Bereichen: im Straßenverkehr sowie bei der Raum- und Prozesswärme.
Ein Grund dafür sind starke wirtschaftliche Interessen, die am bestehenden fossilen System festhalten. Die Debatten rund um das Gebäudeenergiegesetz haben gezeigt, wie intensiv und professionell Einfluss genommen wird.
Dabei geht es um erhebliche wirtschaftliche Werte. Schon wenige Jahre Verzögerung können darüber entscheiden, wie lange fossile Energieträger noch verkauft werden können. Wenn man ausrechnet, für wieviel Geld man Gas zusätzlich absetzen kann, wenn man den Siegeszug von Wärmenetzen und Wärmepumpen um nur um zwei, drei Jahre verzögert, dann wird klar, dass das alles ein sehr rentables Geschäft ist. Deshalb erleben wir immer wieder, dass notwendige Veränderungen ausgebremst werden, obwohl die technischen Lösungen längst verfügbar sind.
Die Verbreitung von Nachhaltigkeitsinnovationen ist entscheidend für die Wirkung
Was bedeutet das für die Forschung?
Forschung muss heute mehr leisten, als neue Technologien zu entwickeln und ihre Anwendung zu untersuchen. Sie muss auch die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in den Blick nehmen.
Es lohnt sich oft, den Geldströmen zu folgen und zu fragen: Wer profitiert von bestehenden Strukturen? Wer hat ein Interesse daran, Veränderungen zu verzögern? Und welche politischen oder wirtschaftlichen Instrumente können dazu beitragen, Umweltinnovationen schneller in die breite Anwendung zu bringen?
Die eigentliche Herausforderung besteht nicht nur darin, technische Lösungen zu entwickeln. Entscheidend ist, ihre Verbreitung so zu fördern, dass sie tatsächlich Wirkung entfalten.
