"Als Industriestandort brauchen wir digitale Infrastrukturen, um wettbewerbsfähig zu bleiben."
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Orientierung durch Forschung: Nachhaltige Digitalisierung als Zukunftsaufgabe

Ein Gespräch mit Dr. Ralph Hintemann über Wissenschaft und die Frage "Was machen wir jetzt damit?"

Wie kann Digitalisierung zum Motor einer nachhaltigen Entwicklung werden? Dr. Ralph Hintemann ist Borderstep Senior Researcher im Forschungsbereich Digitalisierung und einer der vier Gesellschafter des Instituts. Im Interview spricht er darüber, warum ihn die Verbindung von Forschung und Praxis bis heute antreibt, welche Rolle Rechenzentren für die Zukunft Europas spielen und weshalb wissenschaftliche Exzellenz für ihn vor allem Orientierung schaffen muss.

Was hat dich motiviert, dich als Gesellschafter beim Borderstep Institut zu engagieren? Welche Vision hat dich dabei besonders geleitet?

Bevor ich zu Borderstep kam, habe ich zwei sehr unterschiedliche Welten kennengelernt: die Forschung im „Elfenbeinturm“ an der Universität und die praktische Umsetzung von Innovationen in Unternehmen. Als ich Klaus Fichter und Borderstep über ein gemeinsames Projekt kennenlernte, war mir schnell klar: So möchte ich arbeiten.

Wir fragen nicht nur „Was wissen wir?“, sondern auch: „Was machen wir jetzt damit?“

Mich hat die Möglichkeit begeistert, wissenschaftlich zu arbeiten und gleichzeitig Innovationen in die Praxis zu bringen: Und das mit einem klaren Fokus auf Nachhaltigkeit. Borderstep ist für mich ein Ort, an dem man nicht nur fragt: „Was wissen wir?“, sondern auch: „Was machen wir jetzt damit?“.

Dass mein Einstieg bei Borderstep und später auch als Gesellschafter so schnell möglich war, hat mir gezeigt, dass es für beide Seiten passt. Ich gehe bis heute gerne ins Büro. Es motiviert mich, Brücken zu bauen: zwischen Technik und Verantwortung, zwischen Forschung und Praxis sowie zwischen wirtschaftlicher Dynamik und ökologischen Grenzen.

Die Vision dahinter ist eigentlich ganz einfach: Die Zukunft soll besser werden, für meine Kinder, für die Gesellschaft und für die Umwelt. Digitalisierung und Innovationen sollten uns dabei helfen und nicht zusätzliche Probleme schaffen.

Du beschäftigst dich intensiv mit Fragen der nachhaltigen Transformation. Wie hat sich dein Blick auf die Rolle von Digitalisierung und nachhaltiger IT im Laufe der Zeit verändert?

Ich bin mit der Digitalisierung groß geworden. Der erste Computer, an dem ich gearbeitet habe, war ein von meinem Mathematiklehrer selbst zusammengelötetes Gerät. Das Zehnfingersystem habe ich noch auf einer mechanischen Schreibmaschine gelernt. Ich kenne die physische Grundlage der Digitalisierung und habe viele tiefgreifende Veränderungen durch sie erlebt.

Gleichzeitig haben sich viele Erwartungen nicht erfüllt. Das papierlose Büro blieb über Jahrzehnte eher Vision als Realität. Statt weniger Dokumente zu produzieren, haben wir immer mehr geschrieben und gedruckt. Auch die Hoffnung, dass effizientere Computer automatisch zu einem sinkenden Stromverbrauch führen würden, hat sich insgesamt nicht bewahrheitet. Zwar wurden einzelne Geräte sparsamer, der Gesamtverbrauch digitaler Technologien ist jedoch stetig gestiegen. Mit dem Boom der Künstlichen Intelligenz beschleunigt sich diese Entwicklung aktuell noch einmal deutlich.

Wie kann Digitalisierung wirklich zur Nachhaltigkeit beitragen?

Mich beschäftigt deshalb schon immer die Frage, wie wir das enorme Potenzial der Digitalisierung so nutzen können, dass es tatsächlich zu mehr Nachhaltigkeit beiträgt.

Rechenzentren sind zentrale Infrastrukturen der Digitalisierung: mit wachsenden Auswirkungen auf Energieverbrauch, Ressourcenbedarf und Klimaziele. Wie bewertest du das Spannungsfeld zwischen digitaler Leistungsfähigkeit und ökologischer Verantwortung? 

Künstliche Intelligenz verändert unser Leben, unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft. Die Grundlage dafür sind leistungsfähige Rechenzentren. Auch wenn ich mir wünschen würde, dass manche Entwicklungen langsamer und gezielter verlaufen, wird sich dieser Wandel nicht aufhalten lassen.

Als Industriestandort brauchen wir digitale Infrastrukturen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Eine Welt, in der Künstliche Intelligenz und Rechenzentren ausschließlich von Unternehmen aus den USA und China geprägt und kontrolliert werden, möchte ich mir nicht vorstellen. Europa muss seinen eigenen Weg finden.

Für mich kann dieser Weg nur über eine nachhaltige Digitalisierung führen. Nachhaltigkeit stärkt die Wettbewerbsfähigkeit. Sie bedeutet Effizienz, einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen und den gezielten Einsatz von Rechenleistung dort, wo sie tatsächlich gebraucht wird.

Deutschland gehört bei vielen Technologien und Konzepten für nachhaltige Rechenzentren international zu den Vorreitern. Mit unserer Forschung bei Borderstep möchten wir dazu beitragen, Nachhaltigkeit als Chance zu verstehen und die führende Rolle von Deutschland und Europa weiter auszubauen.

Gute Forschung schafft Orientierung

Was bedeutet für dich wissenschaftliche Exzellenz, insbesondere in einem interdisziplinären und anwendungsorientierten Forschungsumfeld?

Wissenschaftliche Exzellenz bedeutet für mich nicht, möglichst kompliziert zu sprechen. Gute Forschung nimmt Komplexität ernst, schafft aber Orientierung.
Qualität in der wissenschaftlichen Arbeit bedeutet für mich, sauber zu arbeiten: gute Daten, nachvollziehbare Annahmen, transparente Methoden. Aber gerade in der anwendungsorientierten Forschung reicht das allein nicht aus. Forschung muss anschlussfähig sein. Sie sollte Menschen erreichen und ihnen helfen, bessere Entscheidungen zu treffen.

Was gibt dir außerhalb der Forschung Energie?

Ganz oben steht hier meine Familie, meine Frau und meine beiden Söhne. Sie sind beides: eine enorme Motivation für meine Arbeit und gleichzeitig der Ort, an dem ich auch mal abschalten kann. Ich mag Momente, in denen ich meinem Kopf auch mal etwas anderes liefere. Dazu gehört das gemeinsame Kochen mit meiner Frau, das Fußballspielen mit meinen Jungs oder ein die Bewegung in der Natur. Genauso gern hole ich den Lötkolben raus, um etwas zu reparieren. Viele gute Ideen entstehen gerade dann, wenn ich nicht angestrengt nachdenken muss.

Vorbilder müssen Hoffnung geben

Gab es ein Buch, einen Film, ein Erlebnis oder eine persönliche Begegnung, die dich besonders inspiriert oder in deinem Denken beeinflusst haben?

Das eine prägende Erlebnis gibt es für mich nicht. Vielmehr waren es viele Menschen und Momente, die mich beeinflusst haben. Lehrer, die meine Begeisterung für Innovationen und Umweltschutz geweckt haben. Oder mein Doktorvater, von dem ich viel über wissenschaftliches Arbeiten gelernt habe und der zugleich ein Vorbild in menschlicher Hinsicht war.
Mich inspirieren besonders solche Erlebnisse und Personen, die Hoffnung geben. Menschen, die genau wissen, wie groß unsere Zukunftsaufgaben sind, aber trotzdem unermüdlich daran arbeiten und ihre Zuversicht bewahren.

Gibt es einen Ort, real oder symbolisch, der für dich mit Inspiration, Zukunftsdenken oder innerer Ruhe verbunden ist?

Ich bin gerne in der Natur, interessiere mich für Kunst und besuche regelmäßig Museen. Ein Ort, der all das verbindet, ist die Museumsinsel Hombroich. Dort begegnen sich Landschaft, Architektur und Kunst auf besondere Weise. Inmitten einer weitläufigen Parklandschaft lassen sich internationale Kunst- und Kulturobjekte in „begehbaren Skulpturen“ entdecken. Besonders spannend finde ich dort auch die ehemalige NATO-Raketenstation, die heute als Ort für Kunst, Architektur und Kultur genutzt wird. Für mich zeigt dieser Ort, wie Wandel gelingen kann.

Hast du ein persönliches Motto oder einen Leitsatz, der dich über die Jahre hinweg begleitet hat?

Mir sind Menschen wichtig, und ich möchte verstehen, warum die Dinge so sind, wie sie sind. Und mir ist wichtig, dass meinen Kinder eine lebenswerte Welt hinterlassen wird.
Wenn ich das in einem Satz zusammenfassen müsste, würde ich sagen: Ich möchte verstehen, was ist, dabei Menschen mitnehmen und dazu beitragen, dass wir eine lebenswerte Welt behalten.