"Lösungen können nicht nur aus einer Perspektive entstehen."
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Mittelmeer trifft digitale Welt: Technik neu denken

Ein Gespräch mit Emna Abdessalem über Forschung ohne Grenzen, nachhaltige Technik und den Mut, es ein zweites Mal zu versuchen.

Emna Abdessalem studiert Sustainable Engineering mit der Vertiefung Sustainable Production an der Technischen Universität Braunschweig. Bei Borderstep unterstützt sie ein von der Europäischen Kommission beauftragtes Forschungsprojekt zu Mindestanforderungen für die Energieeffizienz und Nachhaltigkeit von Rechenzentren in Europa.

Aufgewachsen in Tunesien, hat Emna früh erlebt, wie Klimawandel und Ressourcenknappheit den Alltag verändern. Im Interview erzählt sie, warum sie Nachhaltigkeit, Technologie und Politik zusammendenken möchte, was internationale Zusammenarbeit für sie bedeutet und weshalb eine Absage nicht immer ein endgültiges Nein sein muss.

„Nachhaltigkeitsprobleme hören nicht an Ländergrenzen auf.“

Emna, du bist in Tunesien aufgewachsen. Was hat dich dort geprägt?

Tunesien hat eine sehr vielfältige Geschichte und Kultur, die von unterschiedlichen Zivilisationen geprägt wurde, von Karthago und den Römern bis hin zu arabischen und mediterranen Einflüssen. Auch landschaftlich ist das Land sehr vielfältig: Im Norden und Osten liegt das Mittelmeer, im Süden beginnt die Sahara.

Ich habe schon als Kind erlebt, wie reich und vielfältig die natürlichen Ressourcen des Landes sind. In den vergangenen Jahren habe ich aber auch gesehen, wie diese Ressourcen durch den Klimawandel und andere Entwicklungen knapper werden. Das betrifft besonders Wasser und Energie, aber auch die zunehmenden Waldbrände.

Und ein kleiner Fun Fact: In der Region um Tataouine wurden Szenen für Star Wars gedreht. Daher kommt auch der Name des Planeten Tatooine.

Nachhaltigkeit zwischen Theorie und Alltag

Warum hast du dich für Sustainable Engineering entschieden?

Durch meine Erfahrungen in Tunesien habe ich angefangen, mich für Nachhaltigkeit, Ressourceneffizienz und die Frage zu interessieren, wie wir langfristig mit knappen Ressourcen umgehen können. Deshalb war für mich irgendwann klar, dass ich mich auch in meinem Studium damit beschäftigen möchte.

Was begeistert dich an deinem Studium besonders?

Nachhaltigkeit ist ein sehr interdisziplinäres und dynamisches Feld, das sich ständig weiterentwickelt. Gleichzeitig ist es ein Thema, das nicht nur in der Theorie existiert, sondern viele Bereiche unseres Alltags direkt betrifft. Gerade diese Verbindung finde ich spannend.

Wie würdest du dich in drei Worten beschreiben?

Mutig, leidenschaftlich und hinterfragend.

Kurz gefragt

Kaffee oder Tee? Kaffee.
Frühaufsteher oder Nachteule? Frühaufsteher.
Stadt oder Natur? Natur.
Buch oder Podcast? Podcast.
Sommer oder Winter? Sommer.
Lieblingsort in Berlin? Kreuzberg.
Lieblingsessen? Pasta.
Eine Sprache, die du gern lernen würdest? Italienisch.
Wenn du einen Monat überall auf der Welt verbringen könntest, wohin würde die Reise gehen? Neuseeland.

Von der Universität in die Forschung

Woran arbeitest du bei Borderstep?

Aktuell unterstütze ich ein von der Europäischen Kommission beauftragtes Forschungsprojekt zu Mindestanforderungen für die Energieeffizienz und Nachhaltigkeit von Rechenzentren in Europa. Dabei recherchiere und bereite ich unter anderem Informationen zu bestehenden Regelungen und Entwicklungen in verschiedenen Ländern auf.

Was hat dich an der Arbeit bei Borderstep überrascht?

Vor allem die Größe und Bedeutung der Forschungsprojekte, an denen man hier mitarbeiten kann. Auch bei den Projekten meiner Kolleginnen und Kollegen merke ich immer wieder, wie nah die Forschung an aktuellen und gesellschaftlich relevanten Themen ist.

Was unterscheidet Borderstep von deinen bisherigen Arbeits- und Studienerfahrungen?

Meine bisherigen Forschungserfahrungen habe ich vor allem in studentischen Projekten und an der Universität gesammelt. Außerdem habe ich in Start-ups gearbeitet. Bei Borderstep ist nicht nur der Umfang der Projekte ein anderer. Besonders spannend finde ich die Möglichkeit, mit Menschen aus unterschiedlichen Fachrichtungen zusammenzuarbeiten und direkt von ihren Erfahrungen und Perspektiven zu lernen.

Du hattest dich schon einmal bei Borderstep beworben.

Ja, ungefähr vor zwei Jahren, damals wurde ich abgelehnt. Dieses Jahr habe ich es einfach noch einmal versucht: und es hat geklappt. Für mich ist das ein gutes Beispiel dafür, dass eine Absage nicht unbedingt ein endgültiges Nein sein muss.

Andere Perspektiven führen zu anderen Lösungen

Welche Rolle spielt internationale Zusammenarbeit für Nachhaltigkeit?

Eine sehr große. Schon in meinem ersten Studienmodul an der TU Braunschweig hat unser Professor uns vermittelt, dass Nachhaltigkeitsprobleme nicht an Ländergrenzen aufhören. Deshalb können auch Lösungen nicht nur aus einer einzigen Perspektive entstehen.

In internationalen Forschungsprojekten habe ich selbst erlebt, wie unterschiedlich Menschen aus verschiedenen Ländern und Fachrichtungen an dieselbe Fragestellung herangehen und wie viel man daraus lernen kann.

Du sprichst mehrere Sprachen und bewegst dich zwischen verschiedenen Kulturen. Beeinflusst das auch deine Sicht auf Forschung?

Auf jeden Fall. Durch meine Sprachkenntnisse lerne ich andere Perspektiven kennen und kann manchmal auch auf Informationen und Forschungsquellen zugreifen, die nicht in mehreren Sprachen verfügbar sind. Das bestärkt mich darin, offen auf andere Menschen zuzugehen und ihre Sichtweisen verstehen zu wollen. Internationale Zusammenarbeit ist für mich deshalb ein wichtiger Treiber für Innovation und nachhaltige Lösungen.

Dokumentarfilme, Food-Spots und drei Seemannsknoten

Was machst du gern, wenn du gerade nicht studierst oder arbeitest?

Ich gehe gern raus und entdecke neue Orte, besonders Restaurants und kleine Food-Spots, die verschiedene Küchen und Einflüsse miteinander verbinden. Gerade Berlin ist dafür natürlich perfekt.

Außerdem begleiten mich Filme schon lange, besonders Dokumentarfilme und Doku-Serien. Ich mag Filme, die reale Geschichten erzählen, gesellschaftliche Themen aufgreifen oder eine Perspektive zeigen, über die man vorher vielleicht noch nicht nachgedacht hat.

Welcher Film hat dich zuletzt beeindruckt?

Zuletzt hat mich Blame von Christian Frei beeindruckt, den ich in einem Uni-Cineclub entdeckt habe. Ich mag seine Art, gesellschaftliche und globale Themen aus sehr unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Auch seine anderen Dokumentarfilme wie War Photographer oder Genesis 2.0 finde ich sehr spannend.

Was würdest du gern noch lernen oder ausprobieren?

Ich würde sehr gern richtig segeln lernen. Mit der Theorie habe ich schon angefangen, drei Seemannsknoten kann ich mittlerweile perfekt. Bis zum eigentlichen Segeln ist es aber noch ein Stück.

Technischer Fortschritt darf nicht auf Kosten der Umwelt gehen

An welchen gesellschaftlichen oder ökologischen Fragen möchtest du künftig arbeiten?

Ich möchte weiterhin an der Schnittstelle von Nachhaltigkeit, Technologie und Politik arbeiten. Besonders interessiert mich, wie technologische Entwicklungen unsere Umwelt beeinflussen und wie wir durch Forschung und geeignete Regulierung dafür sorgen können, dass technischer Fortschritt nicht auf Kosten unserer Ressourcen und Umwelt geht.

Dabei würde ich auch gern mein Wissen über Nachhaltigkeitsregulierung in Deutschland, Europa und international weiter vertiefen.

Was motiviert dich, auch bei schwierigen Herausforderungen dranzubleiben?

Wenn man täglich sieht, welche Auswirkungen Umwelt- und Klimaprobleme bereits haben, fällt es mir schwer, einfach wegzuschauen. Gerade diese Entwicklungen motivieren mich, weiterzulernen.

Welchen Rat würdest du anderen Studierenden geben, die sich für Nachhaltigkeitsforschung interessieren?

Die Studienzeit sollte meiner Meinung nach nicht nur aus Prüfungen, Noten und Modulen bestehen. Nutzt die vielen Möglichkeiten, die sich bieten, probiert Dinge aus, die euch interessieren, und habt keine Angst davor, etwas zu machen, obwohl ihr noch nicht wisst, ob es wirklich das Richtige für euch ist. Vieles lernt man erst, wenn man es einfach ausprobiert.

Zum Schluss: Gibt es etwas, das Deutschland von Tunesien lernen könnte oder umgekehrt?

Ich glaube, Tunesien könnte in einigen Bereichen stärker langfristig planen. Viele Probleme werden eher kurzfristig gelöst, ohne immer mitzudenken, was in fünf, zehn oder zwanzig Jahren daraus entsteht. Den langfristigeren Ansatz und die Idee, bestehende Systeme kontinuierlich weiterzuentwickeln und zu verbessern, finde ich in Deutschland interessant.

Und was Deutschland von Tunesien lernen könnte? Vielleicht ein bisschen mehr mediterrane Küche. Unsere Küche lebt von frischen Zutaten, viel Gemüse und unterschiedlichen mediterranen Einflüssen. Eine kleine Fusion davon würde der deutschen Küche definitiv nicht schaden.