Mit Forschung Grenzen überschreiten: Nachhaltigkeit braucht gute Geschäftsmodelle
Ein Gespräch mit Dr. Tobias Froese über Energy Sharing, Suffizienz und die Zukunft nachhaltiger Innovationen
Für Dr. Tobias Froese entstehen die spannendsten Lösungen dort, wo Technik, Wirtschaft und Gesellschaft aufeinandertreffen. Im Interview spricht der Borderstep Senior Researcher über Energy Sharing, nachhaltige Geschäftsmodelle und die Herausforderung, Innovationen so zu gestalten, dass sie ökologische Wirkung, wirtschaftliche Tragfähigkeit und gesellschaftliche Teilhabe verbinden.
Tobias, was hat dich bewegt, zum Borderstep Institut zu wechseln?
Was mich an Borderstep besonders gereizt hat, ist die einzigartige Kombination aus inhaltlicher Relevanz, wissenschaftlicher Exzellenz und praxisnaher Forschung. Seit zwei Jahrzehnten gilt das Institut als Vorreiter an der Schnittstelle von Nachhaltigkeit, Innovation und Entrepreneurship, insbesondere in Themenfeldern wie Smart Energy, nachhaltigem Unternehmertum und Impactmessung. Gleichzeitig beweist Borderstep immer wieder den Mut, neue Forschungsfelder zu erschließen.
Ich freue mich sehr darauf, neue Themen wie bürgergetragene Suffizienz-Innovationen oder Biodiversity-Entrepreneurship aktiv mitzugestalten. Borderstep ist genau in dem Bereich Vorreiter, in dem ich noch viel lernen und gleichzeitig etwas beitragen möchte.
Forschung als Langstreckenlauf
Kennengelernt habe ich das Institut bereits im Rahmen eines gemeinsamen Projekts zu Geschäftsmodellen in der Gebäudeautomation während meiner Zeit als Postdoc an der ESCP Berlin. Schon damals habe ich das Team als offen, hilfsbereit und zugleich äußerst professionell erlebt. Umso mehr habe ich mich über den Wechsel zu Borderstep gefreut.
Nicht zuletzt bietet mir die außeruniversitäre Struktur von Borderstep die Möglichkeit, langfristig an Forschungsthemen zu arbeiten, statt, wie es das Wissenschaftszeitvertragsgesetz an Hochschulen vorsieht, alle paar Jahre neu planen zu müssen. Für mich, der Forschung als Langstreckenlauf versteht, ist das ein echter Glücksfall.
Wie sah dein bisheriger beruflicher Weg aus und was hat dich besonders geprägt?
Mein Weg ist geprägt durch die Verbindung von Wissenschaft und Praxis und genau das spiegelt sich auch in meinem Forschungsschwerpunkt wider: nachhaltige Geschäftsmodelle. Nach meinem Bachelor in Design- und Projektmanagement an der FH Südwestfalen folgte ein Master in International Business & Sustainability in Hamburg. Danach hat mich das Thema nicht mehr losgelassen. An der ESCP Business School habe ich 2024 meine Promotion mit summa cum laude abgeschlossen. In meiner Dissertation habe ich untersucht, wie Unternehmen mit nachhaltigen oder sogar wachstumskritischen Geschäftsmodellen echten Wert schaffen können.
Ein besonderes Highlight war die Mitorganisation der internationalen New Business Models-Konferenz 2019. Seither kuratiere ich dort jährlich mit Prof. Florian Lüdeke-Freund einen Track zu Theoriegrundlagen nachhaltiger Geschäftsmodelle.
Seit Anfang 2025 bin ich Senior Researcher im Borderstep-Team und zusätzlich an der Universität Oldenburg im TEN.efzn-Projekt tätig, wo ich Diffusionspfade für Energieinnovationen erforsche.
Verständnis für soziale Gerechtigkeit, Teilhabe und ökologische Verantwortung
Meine Praxiserfahrung, u. a. bei Beiersdorf, Henkel, Philips und Humana, in Bereichen wie Produktentwicklung, Nachhaltigkeit und Compliance, hilft mir heute, wissenschaftliche Erkenntnisse verständlich und anwendbar zu machen. Besonders prägend war auch mein Freiwilliges Soziales Jahr in Irland. Es hat mein Verständnis für soziale Gerechtigkeit, Teilhabe und ökologische Verantwortung nachhaltig geschärft.
Woran arbeitest du aktuell und was reizt dich besonders an diesen Projekten?
Aktuell forsche ich bei Borderstep zu zwei zentralen Themen. Einmal arbeite ich an einem Projekt zu Energy Sharing in urbanen Quartieren. Besonders reizvoll ist für mich die ganzheitliche Perspektive: Wir untersuchen im interdisziplinären Team, wie gemeinschaftlich erzeugter Solarstrom technisch, wirtschaftlich und rechtlich sinnvoll genutzt werden kann. Mit dem BDEW haben wir zudem einen starken Auftraggeber, der unsere Ergebnisse wirksam in politische und wirtschaftliche Entscheidungsprozesse einbringen kann.
Außerdem forsche ich zu Geschäftsmodellen für digitale Gebäudeautomation. Im ersten Projekt lag der Fokus darauf, wie sich Energieeinsparungen mit wirtschaftlicher Tragfähigkeit und Akzeptanz der Mieterinnen und Mieter kombinieren lassen. Hier besteht noch viel Forschungsbedarf, insbesondere im Hinblick auf die Anforderungen von Wohnungsunternehmen.
Zusätzlich bin ich im Rahmen meiner Tätigkeit an der Universität Oldenburg Teil des TEN.efzn-Projekts. In einem Netzwerk mit über 180 Forschenden entwickeln wir praxisnahe Lösungen für ein klimaneutrales, bezahlbares und sicheres Energiesystem in Niedersachsen.
Was sind aus deiner Sicht aktuell die spannendsten Herausforderungen in deinem Forschungsfeld?
Die spannendsten Fragen sehe ich an den Schnittstellen zwischen Technik, Recht, Gesellschaft und Wirtschaft. Zum Beispiel: Wie schaffen wir es, immer mehr erneuerbare Energien ins System zu integrieren und gleichzeitig den Verbrauch zu senken, ohne soziale Gerechtigkeit zu gefährden? Wie lässt sich Energy Sharing rechtssicher und bürokratiearm umsetzen? Wie gelingt eine digitale Transformation, die dem Menschen dient, statt ihn an Technik anzupassen?
Spannend ist auch die Frage nach neuen Governance- und Geschäftsmodellen, die Biodiversität, Teilhabe und Suffizienz fördern – und so gestaltet sind, dass Unternehmerinnen und Unternehmer europaweit Lust bekommen, diese umzusetzen und zu skalieren.
Wie empfindest du die Zusammenarbeit im Team und die Arbeitskultur bei uns?
Ich erlebe Borderstep als sehr offenes und kollegiales Umfeld. Bei Fragen kann ich jederzeit „anklopfen“, für einen fachlichen Austausch findet sich immer Zeit. Unsere Teamkultur ist geprägt von Vertrauen, Eigeninitiative und Flexibilität. Das weiß ich sehr zu schätzen.
Diese Haltung geht über das Institut hinaus: Beim Impact-Forum zum 20-jährigen Jubiläum des Borderstep Instituts wurde für mich sichtbar, wie langjährig und partnerschaftlich auch die Zusammenarbeit mit externen Akteuren gestaltet ist.
Wissenschaftliche Exzellenz heißt mutige Fragen stellen
Was bedeutet für dich wissenschaftliche Exzellenz und wie lebst du sie im Alltag?
Wissenschaftliche Exzellenz bedeutet für mich, mutige Fragen zu stellen, neue Denkansätze zu erforschen und dabei methodisch sauber und transparent zu arbeiten. Besonders wichtig ist mir die Offenlegung von Unsicherheiten und Grenzen der Objektivität – denn nur so entsteht Vertrauen in wissenschaftliche Erkenntnisse.
Ich identifiziere mich stark mit dem Anspruch, der sich im Namen „Borderstep“ verbirgt: Forschung, die methodisch präzise ist, aber zugleich interdisziplinär, transformativ und pionierhaft. Wissenschaftliche Exzellenz zeigt sich für mich darin, Grenzen zu überschreiten: thematisch, methodisch und gesellschaftlich.
Im Alltag versuche ich, Erkenntnisse nicht nur beruflich, sondern auch privat ernst zu nehmen: durch einen suffizienz-orientierten Lebensstil ohne Flugreisen, mit veganer Ernährung und lokalem Engagement.
Kleingarten als Rückzugsort
Was machst du gern außerhalb der Arbeit?
Abseits der Forschung tanke ich Energie beim Tischtennistraining und Treffen mit Freunden. Da wird der Kopf herrlich frei. Besonders wichtig ist mir auch mein Kleingarten in Eberswalde: ein Rückzugsort, der Ruhe schenkt und Zufriedenheit gibt.
Gibt es ein Buch, einen Film oder ein Erlebnis, das dich besonders inspiriert hat?
Das Sachbuch Erzählende Affen von Samira El Ouassil und Friedemann Karig hat mich zuletzt tief beeindruckt. Es zeigt, wie sehr Geschichten unsere Wahrnehmung und gesellschaftlichen Wandel prägen. Ich nehme daraus mit, Forschung nicht nur korrekt, sondern auch narrativ kraftvoll zu kommunizieren. Sehr empfehlenswert ist übrigens auch ihr Podcast Piratensender Powerplay.
Gibt es ein Reiseziel, das du empfehlen möchtest?
Ich kann die Apuanischen Alpen in der nördlichen Toskana wärmstens empfehlen: eine spektakuläre Kombination aus schroffen Kalkgipfeln und Ausblicken auf Meer und Berge. Und das Beste: Seit letztem Sommer fahren auch wieder mehrere Nachtzüge direkt von Deutschland nach Italien: klimafreundlich und entspannt.
