"Unterschiedliche Erfahrungen helfen, Probleme aus neuen Blickwinkeln zu betrachten."
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Eigene Kultur als Stärke: Nachhaltigkeit braucht Perspektivwechsel

Ein Gespräch mit Juanita Perpatih über Gemeinschaftssinn, deutsche Planung und ihren Weg in die Forschung

Was können Deutschland und Indonesien voneinander lernen? Juanita Perpatih kennt beide Länder aus eigener Erfahrung. Im Masterstudium Sustainable Business & Entrepreneurship und in ihrer Arbeit bei Borderstep am Forschungsprojekt EMSIS beschäftigt sie sich mit der Frage, wie nachhaltige Innovationen in der Praxis gelingen. Im Interview spricht sie über unterschiedliche Sichtweisen auf Nachhaltigkeit, ihre Begeisterung für Forschung und darüber, warum sie komplexe Herausforderungen am liebsten Stück für Stück entschlüsselt.

Juanita, stell dich doch bitte kurz vor.

Ich studiere Sustainable Business & Entrepreneurship im dritten Semester des Masterstudiengangs an der Hochschule Bremen und arbeite als studentische Mitarbeiterin bei Borderstep im Forschungsbereich Digitalisierung & Green IT.

Kurz gefragt

Kaffee oder Tee? Kaffee
Frühaufsteher oder Nachteule? Nachteule
Stadt oder Natur? Natur
Lieblingsessen? Ramen
Eine Sprache, die du gern lernen würdest? Arabisch
Wenn du einen Monat überall auf der Welt verbringen könntest, wohin würde die Reise gehen? Japan

Was sollten wir über die Heimatregion deiner Familie wissen?

Meine Familie kommt aus Indonesien. Mein Vater stammt aus Bukittinggi auf Sumatra, meine Mutter aus Jember auf Java. Bukittinggi liegt in den Bergen West-Sumatras und ist bekannt für sein Wahrzeichen Jam Gadang, einen historischen Uhrenturm aus dem Jahr 1926. Hier ist auch die Heimat der Minangkabau mit ihrer matrilinearen Gesellschaftsordnung.

Jember im Osten Javas ist vor allem für seine Kaffee- und Tabakplantagen sowie den farbenfrohen Jember Fashion Carnaval bekannt, eine der größten Straßenmodenschauen Asiens. Ich bin in Jember aufgewachsen, der Ort bedeutet mir deshalb besonders viel, da er für mich eng mit Kindheitserinnerungen verbunden ist.

Wie können nachhaltige Lösungen unternehmerisch umgesetzt werden?

Warum hast du dich für Sustainable Business & Entrepreneurship entschieden?

Ich habe zunächst Global Management in Bremen studiert. Dabei wurde mir klar, dass mich besonders die Frage interessiert, wie Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich sein können, ohne Umwelt und Gesellschaft aus dem Blick zu verlieren. Im Master geht es genau darum: nachhaltige Lösungen unternehmerisch umzusetzen. Das Studium verbindet unternehmerisches Denken mit nachhaltigen Lösungsansätzen, die ökologische und soziale Herausforderungen als Chance begreifen statt als Hindernis.

Was begeistert dich an diesem Thema besonders?

Vor allem die nachhaltige Transformation von Unternehmen. Mich interessiert, wie Unternehmen grundlegend umdenken und ihre Strukturen, Prozesse und Geschäftsmodelle so verändern können, dass Nachhaltigkeit nicht nur ein Zusatz, sondern ein zentraler Bestandteil ihrer Unternehmensstrategie wird. Besonders spannend fand ich es, dafür selbst Unternehmen zu befragen und herauszufinden, welche Faktoren einen solchen Wandel erfolgreich machen.

In deiner Bachelorarbeit hast du dich mit dem Abfallmanagement in Jakarta beschäftigt. Was hat dich daran fasziniert?

Jakarta gehört zu den größten Städten der Welt und steht vor enormen Herausforderungen rund um das Thema Müll. Das reicht von überlasteten Mülldeponien bis hin zu den Gefahren durch unsachgemäß entsorgten medizinischen Abfall, der erhebliche Risiken für Umwelt und Gesundheit der Bevölkerung birgt. Mich hat interessiert, wie eng Umwelt-, Gesundheits- und Infrastrukturfragen zusammenhängen und wie groß der Handlungsbedarf ist.

Wo siehst du die größten Unterschiede zwischen Indonesien und Deutschland?

In Deutschland ist Nachhaltigkeit im Alltag bereits stark verankert, etwa durch Mülltrennung oder das Pfandsystem. In Indonesien stehen häufig existenziellere Fragen im Mittelpunkt, etwa der Umgang mit Plastikmüll oder der Schutz vor Überschwemmungen. Gleichzeitig hat mich dort der starke Gemeinschaftssinn geprägt. Das Wohl der Gemeinschaft spielt oft eine größere Rolle als individuelle Interessen.

Aus verschiedenen Perspektiven fundierte Erkenntnisse gewinnen

Wie bist du zu Borderstep gekommen?

Meine Studiengangsleiterin hat eine Stellenausschreibung von Borderstep auf LinkedIn geteilt. So bin ich auf das Institut aufmerksam geworden.

Woran arbeitest du aktuell?

Ich arbeite im Forschungsprojekt EMSIS. Gemeinsam mit den Projektpartnern entwickeln wir Lösungen, um Server automatisiert und bedarfsgerecht ein- und auszuschalten. Ziel ist es, unnötigen Energieverbrauch zu vermeiden und den Betrieb gleichzeitig zuverlässig zu halten. Ich unterstütze das Projekt vor allem durch Recherchen zu den Anforderungen an ein solches Energiemanagementsystem.

Was macht dir an wissenschaftlicher Arbeit Spaß?

Mir macht besonders Spaß, komplexe Zusammenhänge zu durchdringen und aus verschiedenen Perspektiven und Daten fundierte Erkenntnisse zu gewinnen. Es fühlt sich ein bisschen wie Puzzeln an: Man sammelt viele einzelne Informationen. Irgendwann fügen sie sich zu einem Gesamtbild zusammen.

Welches Projekt oder welche Aufgabe hat dich bisher besonders begeistert?

Besonders gefallen hat mir die Erstellung eines Nachhaltigkeitskodex für den IT-Mittelstand. Dabei fand ich es spannend, ein praxisnahes Instrument zu entwickeln, das kleinen und mittelständischen IT-Unternehmen dabei hilft, ihre Nachhaltigkeitsleistung greifbar zu machen und gezielt zu verbessern.

Mit dem Thema Mittelstand werde ich mich demnächst auch bei meinem anstehenden Forschungsaufenthalt in Namibia befassen. Dabei geht es um Wachstumsstrategien und Barrieren für mittelständische Unternehmen in diesem Land.

Was hat dich an Borderstep überrascht?

Die große Flexibilität und der persönliche Umgang miteinander. Obwohl ich ausschließlich remote arbeite, funktioniert die Zusammenarbeit sehr gut. Außerdem bekomme ich regelmäßig konstruktives Feedback, das mir hilft, mich fachlich weiterzuentwickeln.

Den eigenen kulturellen Hintergrund als Stärke sehen

Welches gesellschaftliche Problem würdest du besonders gern lösen?

Mich beschäftigt der Fachkräftemangel in der Pflege und würde gern eine digitale Lösung dafür entwickeln. Dafür stelle ich mir eine Plattform vor, die internationale Pflegekräfte, beispielsweise aus Indonesien, mit Einrichtungen in Deutschland zusammenbringt und sie schon im Heimatland sprachlich und fachlich auf den Pflegealltag in Deutschland vorbereitet. Ein digitales System könnte zudem die Anerkennung ausländischer Qualifikationen beschleunigen und Bürokratie abbauen. Gerade in Indonesien, wo die Fürsorge für ältere Generationen einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert hat, könnte dieses kulturell verankerte Verständnis von Pflege eine wertvolle Grundlage für die Arbeit in Deutschland bilden.

Welchen Rat würdest du Studierenden geben, die sich für Nachhaltigkeitsforschung interessieren?

Den eigenen kulturellen oder persönlichen Hintergrund als Stärke zu sehen. Unterschiedliche Erfahrungen helfen dabei, Probleme aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Gerade in der Nachhaltigkeitsforschung ist das ein großer Vorteil.

Welche Idee oder Haltung aus Indonesien würdest du gern nach Deutschland bringen und was würdest du umgekehrt aus Deutschland nach Indonesien mitnehmen?

Aus Indonesien würde ich vor allem den starken Gemeinschaftsgedanken nach Deutschland mitbringen. Viele Herausforderungen lassen sich leichter lösen, wenn das Miteinander im Mittelpunkt steht. Außerdem schätze ich die Offenheit und Herzlichkeit der Menschen im Alltag sehr. Aus Deutschland würde ich umgekehrt die gute Organisation und strukturierte Planung nach Indonesien mitnehmen. Klare Prozesse können dabei helfen, Projekte effizienter umzusetzen und langfristige Ziele besser zu erreichen.