Digitalisierung in der Klimakrise: Mut zum klaren Rechtsrahmen
Ein Gespräch mit Simon Hinterholzer über den Zusammenhang von Digitalisierung und Klimakrise
Digitalisierung und Klimakrise hängen enger zusammen, als vielen bewusst ist. Das gilt besonders für das Thema Rechenzentren. Sie treiben den digitalen Wandel voran, sind aber auch ein wachsender Faktor für den Ressourcenverbrauch. Borderstep Researcher Simon Hinterholzer erklärt, warum die Branche einen mutigen Rechtsrahmen und mehr Transparenz braucht, welche Verantwortung Rechenzentren tragen und welches Potenzial in grüner IT steckt.
Gab es einen Moment, in dem dir klar wurde: Ich will im Bereich Digitalisierung forschen?
Simon Hinterholzer: Es gab nicht den einen Moment, in dem ich gesagt habe: Das ist es. Aber ich habe Erneuerbare Energien studiert und mich in meinen Abschlussarbeiten intensiv mit der Energiewende im Gebäudesektor beschäftigt, etwa zwischen 2016 und 2018. Gerade dort wird deutlich, wie sehr die Digitalisierung für die Energiewende gebraucht wird und wo sie gleichzeitig neue Herausforderungen mit sich bringt.
EU-Label zur Bewertung der Nachhaltigkeit von Rechenzentren
Woran arbeitest du aktuell, und was möchtest du mit deiner Forschung bewegen?
Aktuell arbeite ich an einem einheitlichen EU-Label zur Bewertung der Nachhaltigkeit von Rechenzentren. Das ist eine große Aufgabe, denn Nachhaltigkeit darf nicht auf eine Kennzahl wie Energieeffizienz reduziert werden. Es geht darum, dass Rechenzentren Erneuerbaren Energien betrieben werden, dass die Abwärme für Heizzwecke genutzt wird und fossile Energieträger ersetzt. Auch die Dimensionierung der Server, der Umgang mit Elektronikschrott, der Wasserverbrauch oder die Nutzung von Dachflächen für Begrünung oder Photovoltaik spielen eine Rolle. Ziel des Labels ist es, Transparenz in die Diskussion um nachhaltige Rechenzentren zu bringen und den Kunden eine bewusste Wahl zu ermöglichen.
Du bist viel mit EU-Projekten beschäftigt. Was ist das Besondere daran, auf europäischer Ebene zu forschen?
Viele der Herausforderungen rund um Rechenzentren betreffen nicht nur Deutschland, sondern treten europaweit auf, teils sogar noch ausgeprägter. Ein Beispiel dafür ist der Boom großer Rechenzentren mit Leistungen von bis zu 100 Megawatt. Diese mit grüner Energie zu versorgen und in die bestehende Netzinfrastruktur zu integrieren, ist eine enorme Herausforderung. Der Austausch mit Ländern wie Irland oder den Niederlanden sowie mit außereuropäischen Regionen wie den USA ist daher besonders wertvoll.
Verlagerungseffekte drohen
Für eine nachhaltige Entwicklung der Branche braucht es klare und wirksame Regelungen auf lokaler, nationaler und europäischer Ebene. Andernfalls drohen Verlagerungseffekte wie Carbon Leakage, also die Abwanderung von Rechenzentren in Nachbarländer, von wo aus sie ihre digitalen Dienste weiterhin über das Internet anbieten können. Die EU spielt als großer Binnenmarkt eine zentrale Rolle. Gelten europaweit einheitliche Anforderungen an Nachhaltigkeit und Transparenz, entfällt die Standortkonkurrenz zwischen Ländern wie Deutschland, Frankreich, Dänemark oder Österreich.
Welche Entwicklungen in der Digitalisierung empfindest du derzeit als besonders relevant für Gesellschaft und Wirtschaft?
Künstliche Intelligenz und der Hype um große Sprachmodelle prägen aktuell die Diskussion. Viele Unternehmen setzen darauf, dass der wachsende KI-Bereich den Bedarf an digitaler Infrastruktur weiter steigern wird. Es wird massiv investiert, ohne dass wir den tatsächlichen langfristigen Bedarf heute schon abschätzen können.
Was sind deine kurz- und langfristigen Ziele bei Borderstep?
Kurzfristig möchte ich ein internationales Forschungsprojekt starten, das gemeinsam mit Partnern aus der Praxis Wege aufzeigt, wie die Rechenzentrumsbranche die Energiewende voranbringen kann. Viele Betreiber haben den Willen und die Möglichkeiten dazu und leisten oft schon heute deutlich mehr als andere Branchen. Langfristig möchte ich unser Team weiter ausbauen. Wir haben bereits engagierte Kolleginnen und Kollegen und freuen uns über alle, die mit Überzeugung an einer nachhaltigen digitalen Zukunft mitarbeiten wollen.
Was gibt dir außerhalb der Arbeit Energie und wo findest du sie am liebsten?
Sport ist mein wichtigster Ausgleich, vor allem Ultimate Frisbee. Der Teamsport bringt Bewegung, Fokus und Abstand zur oft einseitigen Arbeit am Rechner. Außerdem habe ich gemeinsam mit Freunden einen alten Vierseithof in Brandenburg gekauft: ein völlig verrücktes Projekt mit ungewissem Ausgang. Aber gerade die vielen kleinen Etappen und Erfolge auf dem Weg geben mir Energie. Und wenn es um Orte geht, an denen ich auftanken kann: Wandern im Wald oder in den Bergen kann ich nur jedem empfehlen.
