hr2-Podcast: Der Tag. Ein Thema, viele Perspektiven

Borderstep im hr2-Podcast „Mein Nachbar das Rechenzentrum“

Unter dem Titel „Mein Nachbar, das Rechenzentrum“ beschäftigt sich der hr2-Podcast „Der Tag“ mit dem starken Ausbau von Rechenzentren und den Folgen für Stromnetze, Flächen und Kommunen. Dr. Ralph Hintemann und Dr. Jens Clausen vom Borderstep Institut bringen Perspektiven aus der Rechenzentrums-, Energie- und Nachhaltigkeitsforschung ein.

Dr. Ralph Hintemann betont, dass die Bedeutung von Rechenzentren für die Gesellschaft und die Wirtschaft weiter zunimmt. Damit wächst auch ihr Stromverbrauch massiv an. Diese Entwicklung werde sich voraussichtlich in den kommenden Jahren fortsetzen. Deutschland habe sich mit seiner Rechenzentrumsstrategie klare Ziele gesetzt und nehme damit international eine Vorreiterrolle ein. Nun komme es darauf an, die Strategie konsequent umzusetzen und die gesetzten Nachhaltigkeits- und Souveränitätsziele zu erreichen. Gleichzeitig müsse Deutschland darauf achten, keine Abhängigkeiten von einzelnen Großkonzernen oder Staaten entstehen zu lassen.

Abwärme braucht passende Standorte

Dr. Jens Clausen richtet den Blick auf die großen Wärmemengen, die beim Betrieb von Rechenzentren entstehen. Das Potenzial ist erheblich, wird bislang aber nur selten umfassend genutzt.

Wie groß die Dimension neuer Anlagen inzwischen ist, verdeutlicht Clausen am Beispiel eines geplanten Rechenzentrums im niedersächsischen Hohenhameln. Es würde nach seinen Angaben mehr Strom verbrauchen als die Landeshauptstadt Hannover einschließlich Industrie und Nahverkehr. Während der Betreiber versprochen habe, mit der Abwärme das örtliche Schwimmbad zu heizen, könnte die anfallende Wärme grundsätzlich für die Fernwärmeversorgung von ganz Hannover ausreichen.

Der Kontrast zeigt das zentrale Problem: Abwärme ist in großen Mengen vorhanden. Häufig fehlt jedoch die passende räumliche und infrastrukturelle Einbindung. Eine der wichtigsten Fragen für die Abwärmenutzung lautet deshalb: Wo steht das Rechenzentrum? „Hunderte Kilometer Leitungsbau rechnen sich nicht“, betont Clausen. Rechenzentren sollten deshalb möglichst dort entstehen, wo leistungsfähige Strom- und Datenleitungen mit einem ausreichend großen Wärmebedarf zusammentreffen.

Als Beispiel nennt Clausen Stockholm. Dort wurden sogenannte Dataparks mit Strom- und Datenanschlüssen sowie Zugang zum Wärmenetz gezielt geplant. Rund 30 Rechenzentren speisen dort nach seinen Angaben Wärme ein.

Rechenzentren als Teil der Infrastrukturplanung

Abwärmenutzung sollte bereits bei Standortwahl und kommunaler Wärmeplanung berücksichtigt werden. Stromnetze, Glasfaser, Wärmebedarf und Flächenplanung müssen stärker zusammengedacht werden.

Damit wird der Ausbau von Rechenzentren zunehmend zu einer Frage integrierter Infrastrukturplanung. Entscheidend ist nicht nur, wie effizient einzelne Anlagen arbeiten, sondern auch, wo sie entstehen und wie sie in Strom-, Daten- und Wärmenetze eingebunden werden.

In der ARD-Sounds-App können Sie den hr2-Podcast „Mein Nachbar, das Rechenzentrum“ in voller Länge kostenlos hören.


Dr. rer. pol. Ralph Hintemann ist Gesellschafter und Senior Researcher am Borderstep Institut. Der Ingenieur und Wirtschaftswissenschaftler befasst sich in seiner Forschung mit den Megatrends Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Ralph Hintemann ist ein international anerkannter Experte für die Nachhaltigkeit digitaler Infrastrukturen wie Rechenzentren. In einer Zeit, die von grundlegenden Veränderungen geprägt ist, liefert er mit seiner interdisziplinären Perspektive wissenschaftlich fundierte Impulse und Handlungsempfehlungen.

Dr. rer. pol. Jens Clausen ist Gründer und Gesellschafter des Borderstep Instituts. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf der Innovations- und Transformationsforschung, insbesondere in den Bereichen Energiesysteme, Wärme und Heiztechnik, Elektromobilität und Digitalisierung. Seit mehr als drei Jahrzehnten beschäftigt er sich mit Umweltinnovationen und nachhaltigem Wirtschaften und untersucht, wie neue Technologien und Lösungen in die breite Anwendung gelangen. Dabei nimmt er neben technischen Fragen auch wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen von Transformationsprozessen in den Blick.