Digitale Souveränität nachhaltig gestalten
Europa will seine Rechenzentrumskapazitäten innerhalb von fünf bis sieben Jahren verdreifachen, Deutschland strebt bis 2030 eine Verdopplung an. Der Ausbau soll die digitale Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit stärken.
Wie nachhaltig kann Europas Rechenzentrumsausbau werden?
Welche Folgen das für Energie- und Ressourcenbedarf hat und wie sich der Ausbau mit Klima- und Nachhaltigkeitszielen vereinbaren lässt, untersucht Dr. Ralph Hintemann, Gesellschafter und Senior Researcher am Borderstep Institut, in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Ökologisches Wirtschaften.
Mit den zusätzlichen Kapazitäten wächst auch der Strombedarf. Die Internationale Energieagentur rechnet bis 2030 mit einer Verdopplung des weltweiten Strombedarfs von Rechenzentren auf knapp drei Prozent des globalen Stromverbrauchs. Regional liegen die Anteile schon heute deutlich höher.
Stromversorgung und Ressourcen im Blick
Besonders wichtig ist, wie Rechenzentren ihren Strom klimafreundlich beziehen können. Die aktuell gültige Fassung des deutschen Energieeffizienzgesetzes schreibt ab 2027 eine bilanziell vollständige Versorgung von Rechenzentren mit erneuerbaren Energien vor. Hintemann weist allerdings darauf hin, dass dafür auch Herkunftsnachweise aus anderen Ländern genutzt werden können. Fossiler Stromverbrauch in Deutschland wird damit nicht zwangsläufig vermieden.
Der Stromverbrauch ist zudem nur ein Teil der Umweltwirkungen. Auch Elektronik, Beton, Stahl und Kupfer, Kältemittel sowie Wasser für die Kühlung spielen eine Rolle.
Nachhaltigkeit ist kein Hemmnis des digitalen Ausbaus, sondern eine Voraussetzung für seinen Erfolg. — Dr. Ralph Hintemann, Borderstep Institut
Abwärmenutzung braucht passende Rahmenbedingungen
Ein wichtiger Hebel ist die Abwärmenutzung. Gemäß dem aktuellen Energieeffizienzgesetz müssen neue Rechenzentren ab dem 1. Juli 2026 mindestens zehn Prozent ihrer Abwärme nutzen. In der Praxis ist das nicht immer einfach: Es fehlen geeignete Wärmeabnehmer, und Rechenzentrumsplanung und Wärmenutzung müssen frühzeitig aufeinander abgestimmt werden.
Dr. Ralph Hintemann hält deshalb Anpassungen bei der diskutierten Novellierung des Energieeffizienzgesetzes für sinnvoll. Die Nachhaltigkeitsanforderungen sollten dabei jedoch nicht abgeschwächt werden.
Nachhaltigkeit als Standortstrategie
Wenn Deutschland und Europa Rechenleistung effizienter, klimaverträglicher und ressourcenschonender bereitstellen als andere Weltregionen, kann daraus nach Einschätzung von Dr. Ralph Hintemann ein Standortvorteil entstehen. Nachhaltigkeit ist damit kein Hemmnis des digitalen Ausbaus, sondern eine Voraussetzung für seinen Erfolg – und damit auch für eine wettbewerbsfähige, möglichst souveräne digitale Infrastruktur.
Der Beitrag von Dr. Ralph Hintemann „Wie nachhaltig ist Europas Weg zur digitalen Souveränität?“ ist in Ausgabe 3/2026 der Zeitschrift „Ökologisches Wirtschaften“ erschienen. Der Volltext ist kostenpflichtig zugänglich: DOI 10.14512/OEW410309.