Abwärme aus Bestandsrechenzentren: der richtige Weg?
Borderstep beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema nachhaltige Digitalisierung. Das aktuelle Forschungsprojekt DC2HEAT untersucht, wie die Nutzung von Abwärme aus Rechenzentren zur Dekarbonisierung der Wärmeversorgung beitragen kann. Dabei geht es nicht nur um neue Anlagen, sondern betrachtet die Möglichkeiten insbesondere bei bestehenden Rechenzentren.
Abwärmeprojekte mit Betriebsdaten besser planen
Die Ergebnisse aus dem Projekt zeigen, dass bestehende Rechenzentren oft besonders interessante Voraussetzungen für Abwärmenutzung bieten. Der zentrale Vorteil liegt in der Verlässlichkeit. Bei bestehenden Rechenzentren liegen belastbare Betriebsdaten vor. Bekannt ist beispielsweise:
- Wie hoch der Stromverbrauch ist,
- wie sich die Last über den Tag und das Jahr verteilt,
- welche Temperaturen anfallen,
- wie stabil der Betrieb läuft und
- welche Wärmemengen realistisch verfügbar sind.
Dabei handelt es sich nicht um Annahmen oder Planungswerte, sondern um reale Betriebsdaten. Damit sind sie für Wärmenetzbetreiber besser planbar als unsichere Hochlaufkurven von Neubauprojekten.
Ein weiterer Vorteil bestehender Rechenzentren ist oft die Lage. Viele Bestandsrechenzentren befinden sich in bestehenden Stadtstrukturen, in Büroquartieren, gemischt genutzten Gebieten oder in der Nähe größerer Verbraucher.
Dadurch liegen Wärmequelle und Wärmeverbrauch häufig nah beieinander. Je kürzer die Entfernung, desto eher lässt sich ein Abwärmeprojekt wirtschaftlich umsetzen.
Anreize und Rahmenbedingungen richtig setzen
Neben gesetzlichen Anforderungen für neue Rechenzentren braucht es deshalb stärkere Anreize und praxistaugliche Rahmenbedingungen, um die bereits heute vorhandenen Potenziale im Bestand zu erschließen.
Welche Maßnahmen könnten dazu beitragen?
- Akzeptanz für Rechenzentren fördern
- Abwärmenutzung in der öffentlichen Beschaffung berücksichtigen
- Musterverträge bereitstellen
- klare rechtliche Regelungen für die kostenlose Abgabe von Abwärme schaffen
Auch innovative Risikoabsicherungen wie Ausfallgarantien durch die öffentliche Hand wären ein interessanter Ansatz.
Das Thema Abwärmenutzung aus Rechenzentren braucht mehr Pragmatismus. Nicht jedes Rechenzentrum wird zur idealen Wärmequelle. Nicht jedes Wärmenetz kann Niedertemperaturwärme sinnvoll aufnehmen. Und nicht jedes Projekt wird wirtschaftlich aufgehen. Aber genau deshalb sollte man dort anfangen, wo die Voraussetzungen günstig sind: bei bekannten Wärmemengen, kurzen Distanzen, geeigneten Wärmeabnehmern und Betreibern, die kooperieren wollen. (Dr. Ralph Hintemann, Borderstep Institut)
DC2HEAT bei Data Center Insider
Die in diesem Beitrag vorgestellten Ergebnisse des Projekts DC2HEAT werden auch in einem aktuellen Artikel bei Data Center Insider aufgegriffen. Darin erläutert Dr. Ralph Hintemann, warum die Nutzung von Abwärme aus Bestandsrechenzentren oft die bessere Lösung ist. Zudem zeigt er auf, welche Rahmenbedingungen nötig sind, um dieses Potenzial besser zu erschließen. Hier können sie den Artikel bei Data Center Insider lesen.
Über das Forschungsprojekt DC2HEAT
Das vom Bundesumweltministerium geförderte Projekt DC2HEAT entwickelt praxisnahe Hilfsmittel, um Abwärmeprojekte aus Rechenzentren effizienter zu planen, zu realisieren und zu betreiben. Dazu gehören Methoden zur Potenzialbewertung, zur Abstimmung zwischen Wärmequelle und Wärmesenke sowie zur technischen und organisatorischen Umsetzung. Das Projekt geht nun in die Endphase. Ein Ergebnis des Vorhabens ist es, dass die Abwärmenutzung aus Bestandsrechenzentren oft einfacher und schneller zu realisieren ist als bei Neuprojekten. www.dc2heat.com